
Videospiele müssen nicht immer mit großer Action, spannenden Abenteuern oder riesigen Open-Worlds aufwarten. Manchmal reicht es, wenn sie ins Ohr gehen und gleichzeitig das Herz berühren. Mit dem BAFTA-gekrönten The Artful Escape hat das Entwicklerstudio Beethoven & Dinosaur bereits 2021 eindrucksvoll bewiesen, wie gut Musik und Videospiele miteinander harmonieren können. Gemeinsam mit Publisher Annapurna Interactive, der immer wieder aufstrebenden Indie-Produktionen eine Bühne bietet, scheint man dafür den perfekten Partner gefunden zu haben. Mit Mixtape ist im Mai 2026 das neueste Werk des Studios erschienen, das Musik erneut zu einem festen Bestandteil des Spielerlebnisses macht. Doch diesmal geht es nicht nur um große Bühnen und kosmische Klänge, sondern um ein Mixtape voller Erinnerungen – begleitet vom Soundtrack einer ganzen Generation. Ob das genauso gut funktioniert wie schon vor fünf Jahren, verraten wir euch in unserem Review.
Der letzte Abend vor dem Erwachsenwerden
Im Mittelpunkt von Mixtape stehen drei Jugendliche, die kurz vor ihrem letzten gemeinsamen Abend stehen. Danach beginnt für jeden von ihnen ein neuer Lebensabschnitt. Da wäre zunächst Stacey Rockford, eine musikbesessene Träumerin und Kleinkriminelle, die für diesen besonderen Abend die Playlist zusammenstellt. Ihr Ziel ist klar: Sie möchte nach New York ziehen und dort eine Karriere als Musiksupervisorin für Filmsoundtracks starten. Ihr gegenüber steht Slater, der deutlich ruhiger und geerdeter auftritt. Er liebt seine Heimatstadt und betrachtet sie mit einer beinahe zen-artigen Gelassenheit. Große Pläne, möglichst schnell wegzuziehen, hat er nicht. Die dritte im Bunde ist Cassandra „Cass“ Morino, eine ehrgeizige Einserschülerin mit japanischen Wurzeln. Trotz unterschiedlicher Herkunft, eigener Zukunftspläne und der Missbilligung ihrer Eltern verbindet die drei eine enge Freundschaft.

Auf dem Weg zur letzten gemeinsamen Party versetzt das perfekte Mixtape die Gruppe in traumähnliche Nachstellungen ihrer prägendsten Momente. Als Spieler:innen durchwandert ihr dabei die große Wüste des Teenagerlebens und erlebt eine Reihe wunderschöner Erinnerungen. Ihr skatet durch die Nachbarschaft, hebt ab, veranstaltet Fotosessions in einem verlassenen Vergnügungspark, nehmt an Baseballspielen teil und erlebt Feuerwerke von der Rückbank eines Autos aus. Die großen Hits des Erwachsenwerdens sind allesamt vertreten: der erste Kuss, der letzte Tanz, spontane Streiche und jene scheinbar belanglosen Momente, die einem Jahre später plötzlich besonders wichtig erscheinen.

Unterlegt wird diese Reise von einem fantastischen Soundtrack mit Songs von DEVO, Roxy Music, Lush, The Smashing Pumpkins, Iggy Pop, Siouxsie and the Banshees, Joy Division, The Cure und vielen weiteren Künstlern. Diese Musikauswahl ist nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern das eigentliche Herzstück des Spiels. In Kombination mit den hervorragend geschriebenen und eingesprochenen Charakteren entsteht ein wohliges Gefühl von Nostalgie. Selbst wer die eigene Jugend längst hinter sich gelassen hat, wird sich an bestimmte Sommer, Freundschaften und Entscheidungen erinnert fühlen.
Skaten, feiern und Erinnerungen sammeln
Der Fokus von Mixtape liegt ganz klar auf der Erzählung rund um Stacey, Cass und Slater. Die drei schwelgen gemeinsam in Erinnerungen, die ihr anschließend in spielbarer Form nacherlebt. Mit einer großen Portion Fantasie und Humor ist das Spiel in drei Akte mit insgesamt 30 kurzen Kapiteln unterteilt. Diese fallen angenehm abwechslungsreich aus und dürften vor allem ältere Spieler:innen mit vielen nostalgischen Momenten abholen. Ihr geht skaten, feiert Partys, trickst die Polizei aus, hängt gemeinsam herum, schleicht euch aus dem Haus und erlebt natürlich auch die eine oder andere romantische Situation. All das durchlebt ihr mit Stacey, Cassandra und Slater, wobei sich die einzelnen Kapitel wie kleine Erinnerungsfetzen anfühlen. Manche davon sind lustig, andere nachdenklich und wieder andere einfach nur schön. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere sogar in den eigenen Sommerferien oder den ersten Ausflügen mit Freund:innen wieder.

Spielerisch darf man allerdings keine großen Herausforderungen erwarten. Mal müsst ihr im Auto lediglich per Knopfdruck im Takt der Musik mit dem Kopf wippen. Ein anderes Mal leiht ihr – leicht betrunken und entsprechend torkelnd – drei DVDs aus einer Videothek aus. Auch die Skateboard-Passagen, in denen ihr von Haus zu Haus unterwegs seid, bleiben eher nette Einlagen, während der nächste Song aus Staceys Mixtape läuft.
Das ist aber kein Fehler, sondern eine bewusste Designentscheidung. Mixtape möchte euch nicht mit komplexen Mechaniken oder anspruchsvollen Rätseln beschäftigen. Hier steht eindeutig die Geschichte im Vordergrund und nicht der spielerische Anspruch. Der Controller wird regelmäßig gebraucht, doch er ist vor allem das Werkzeug, mit dem ihr euch durch eine interaktive Serie bewegt.

Wenn der Weg wichtiger ist als der Abspann
Und damit wären wir bei jenem Diskurs angekommen, der Mixtape bereits nach seiner Veröffentlichung begleitet hat. Gerade in der Indie-Szene wird bei Spielen gerne mit zweierlei Maß gemessen. Erhält ein Titel wie Mixtape Höchstwertungen, melden sich schnell Kritiker:innen zu Wort, die der Meinung sind, dass ein Videospiel vor allem anspruchsvolles Gameplay bieten müsse, um überhaupt als solches zu gelten.

Doch genau das muss es nicht. Mixtape ist kein Action-Adventure und kein klassisches Rätselspiel. Es ist ein Grafik-Musik-Adventure, das ins Ohr und ins Herz geht. Die Geschichte dreht sich um drei sympathische Charaktere und ihren letzten gemeinsamen Abend vor dem Erwachsenwerden. Das Spiel fühlt sich dabei eher wie eine Serie an, bei der ihr in besonders witzigen, absurden oder emotionalen Situationen selbst zum Controller greifen dürft. Wer sich darauf einlässt, erlebt ungefähr fünf höchst unterhaltsame Stunden. Angesichts eines Preises von 18,99 Euro ist das absolut in Ordnung. Natürlich hätte man sich an manchen Stellen etwas mehr spielerische Tiefe gewünscht. Doch wer Mixtape mit den falschen Erwartungen startet, wird vermutlich enttäuscht werden. Wer dagegen bereit ist, sich auf die Reise einzulassen, bekommt ein liebevoll erzähltes Abenteuer, in dem nicht der Abspann das eigentliche Ziel ist, sondern der Weg dorthin.

Wertung
Mit Mixtape liefert Beethoven & Dinosaur ein berührendes Grafik-Musik-Adventure ab, das seine Stärken ganz bewusst nicht im klassischen Gameplay sucht. Die drei Hauptfiguren sind hervorragend geschrieben, der Soundtrack sorgt für zahlreiche Gänsehautmomente und die traumartigen Erinnerungen vermitteln ein starkes Gefühl von Nostalgie. Spielerisch bleibt das Abenteuer zwar sehr einfach und bietet kaum echte Herausforderungen, doch genau dadurch kann sich die Geschichte voll entfalten. Wer ein umfangreiches Adventure mit komplexen Mechaniken erwartet, wird hier vermutlich nicht glücklich. Wer sich aber auf eine rund fünfstündige Reise durch Freundschaft, Musik und die letzten Momente der Jugend einlässt, erlebt eines der charmantesten Indie-Spiele des Jahres. Mixtape beweist, dass ein Spiel nicht laut, groß oder anspruchsvoll sein muss, um lange im Gedächtnis zu bleiben.
90
Mixtape ist am 07.Mai 2026 für PC, PlayStation 5, Xbox Series X/S und Nintendo Switch 2 erschienen.