
Videospiele bedienen eine beeindruckende Vielzahl an Genres. Nur selten gelingt es einem Entwicklerstudio jedoch, ein völlig neues Genre zu etablieren. FromSoftware hat mit seinen Souls-Titeln einen wahren Hype ausgelöst und ein ganzes Subgenre geprägt. Für die interaktiven, episodischen Adventures gilt Ähnliches für Telltale Games. Mit The Walking Dead gelang dem Studio der große Durchbruch und machte das Format einem breiten Publikum bekannt. Auf erfolgreiche Spin-offs wie Tales from the Borderlands oder The Wolf Among Us folgte jedoch der überraschende Absturz. 2018 musste Telltale Games schließen und ein ganzes Genre schien zu Grabe getragen. Doch da hat man die Rechnung ohne AdHoc Studio gemacht. Zusammengesetzt aus erfahrenen Branchenveteranen veröffentlichte das unabhängige Entwicklerstudio mit Dispatch im Oktober 2025 ein brandneues, interaktives Abenteuer. Ob dieses an die glorreichen Tage von Telltale anknüpfen kann, verraten wir euch in unserem Review.
Ein Ex-Held am Schreibtisch
Im Mittelpunkt von Dispatch steht Los Angeles – eine Stadt, in der sich Superhelden und Superschurken beinahe auf den Füßen stehen. Einer von ihnen ist Robert Robertson, besser bekannt als Mecha Man. Im Grunde handelt es sich bei ihm um eine Art Iron Man, allerdings ohne dessen Reichtum, Luxus und ausgeprägte Selbstdarstellung. Nach einer Niederlage gegen seinen Erzfeind Shroud verliert Robert jedoch seinen Anzug und damit auch seine große Bühne. Statt weiterhin selbst durch die Häuserschluchten zu fliegen, landet er beim Superhero Dispatch Network, kurz SDN. Dort übernimmt er die Rolle eines Disponenten und koordiniert das sogenannte Z-Team – eine Gruppe resozialisierter Ex-Schurken, die sich ihre zweite Chance erst noch verdienen müssen. Während Robert vom Schreibtisch aus Einsätze verteilt, verfolgt er im Hintergrund weiterhin den Plan, seinen zerstörten Mech wieder aufzubauen.

Damit ist der Grundstein für eine witzige, spannende und hervorragend inszenierte Heldengeschichte gelegt, die sich über insgesamt acht Episoden erstreckt. Wie man es von einem interaktiven Adventure erwartet, müsst ihr regelmäßig schwierige Entscheidungen treffen, die den weiteren Verlauf der Handlung beeinflussen. Wie ihr mit eurem Team, euren Kollegen und der Umwelt umgeht, bleibt dabei euch überlassen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Die große Stärke von Dispatch liegt aber in seiner außergewöhnlichen Charakterriege. Das Z-Team besteht aus höchst unterschiedlichen Figuren, die euch dank hervorragender Dialoge und großartiger Sprecherleistungen schnell ans Herz wachsen. Aaron Paul, bekannt als Jesse Pinkman aus Breaking Bad, leiht Robert Robertson seine Stimme. Jeffrey Wright spricht Chase und bringt damit unter anderem seine Erfahrung als Commissioner Gordon aus The Batman ein. Dazu kommen Gaming- und Voice-Acting-Größen wie Laura Bailey als Invisigal oder Matthew Mercer als Shroud. Selbst Internetpersönlichkeiten und Streamer wie Jacksepticeye als Punch Up und MoistCr1TiKaL als Sonar sind mit von der Partie.

Die Besetzung ist nicht nur prominent, sondern auch passend gewählt. Jede Figur erhält durch ihre Stimme viel Leben, Persönlichkeit und Charme. Dadurch fühlt sich das Z-Team schnell wie eine chaotische, aber liebenswerte Ersatzfamilie an. Doch was genau ist eigentlich Roberts Aufgabe als Disponent?
Helden auf Abruf
Als namensgebender Disponent besteht eure Aufgabe darin, vom Büro und Schreibtisch aus das Z-Team durch zahlreiche Einsätze zu führen. Pro Episode erwarten euch im Schnitt zwei Schichten – eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Dabei geht es natürlich nicht immer nur darum, Superschurken aufzuhalten. Auch Rettungsmissionen, motivierende Reden an einem College oder die Rettung einer Katze von einem Baum stehen auf dem Tagesplan. Für jede Aufgabe wird ein anderer Held gebraucht. Und genau hier kommt ihr ins Spiel.

Die Missionen greifen auf fünf Kernkompetenzen zurück: Kampf, Kraft, Mobilität, Charisma und Intellekt. Diese Werte spiegeln zugleich die Fähigkeiten eurer Helden wider. Anhand einer kurzen Beschreibung müsst ihr zunächst selbst einschätzen, welche Eigenschaften für den jeweiligen Einsatz gefragt sein könnten. Braucht jemand schnell Hilfe, schickt ihr am besten einen Helden mit hoher Mobilität los. Müssen Geiselnehmer überzeugt werden, ihre Opfer freizulassen, ist dagegen Charisma gefragt. Anschließend entsendet ihr eure Helden einzeln oder im Team. Erst bei ihrem Eintreffen zeigt euch das Spiel, welche Werte tatsächlich benötigt werden und wie gut eure Auswahl dazu passt. Aus den vorhandenen Werten errechnet sich schließlich eine Erfolgswahrscheinlichkeit von bis zu 100 Prozent. Doch selbst wenn ihr den perfekten Helden mit den passenden Fähigkeiten ausgewählt habt, entscheidet am Ende immer noch der Zufall über Erfolg oder Misserfolg.

Das sorgt für Spannung, kann aber auch für Frust sorgen. Denn selbst eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit ist keine Garantie. Umso größer ist die Freude, wenn ein riskanter Einsatz erfolgreich abgeschlossen wird. Und umso ärgerlicher ist es, wenn eine Mission trotz scheinbar perfekter Vorbereitung scheitert.
Taktik im Büro
Zu Beginn sind die benötigten Werte noch relativ leicht zu erahnen. Dadurch bekommt ihr ein gutes Gefühl für eure Aufgabe als Disponent. Mit fortschreitender Spielzeit werden die Einsätze jedoch deutlich anspruchsvoller. Das liegt nicht nur an den höheren Anforderungen, sondern auch an der begrenzten Verfügbarkeit eurer Helden. Alle Mitglieder des Z-Teams starten von der Zentrale im Herzen Los Angeles. Für jeden Einsatz benötigen sie eine gewisse Zeit für den Hin- und Rückweg. Nach einer erfolgreichen oder fehlgeschlagenen Mission steht außerdem eine festgelegte Pause an. Wer also alle Helden blindlings auf die ersten verfügbaren Aufträge schickt, kann plötzlich ohne passende Unterstützung für die nächsten Einsätze dastehen. Dadurch erhält das ansonsten überschaubare Disponenten-Gameplay eine überraschend motivierende taktische Komponente.

Zusätzlich steigen eure Helden im Rang auf, wodurch ihr Fähigkeitspunkte investieren könnt. Noch mehr Spieltiefe bringen die individuellen Kräfte der angehenden Superhelden mit sich. Diese könnt ihr bei Bedarf anpassen und gezielt auf eure bevorzugte Vorgehensweise abstimmen. Auch die Synergien zwischen einzelnen Teammitgliedern solltet ihr nicht außer Acht lassen. Bestimmte Kombinationen gewähren bei einem Einsatz einen zusätzlichen Schub auf die Erfolgswahrscheinlichkeit. Damit das Geschehen am Schreibtisch nicht zu trocken ausfällt, steht ihr während der Missionen ständig mit eurem Team über den Kommunikationskanal in Verbindung. Die flotten und witzigen Sprüche der Helden entlocken Robert regelmäßig einen trockenen Kommentar und euch mit Sicherheit das eine oder andere Lächeln. Und auch Robert darf gelegentlich selbst eingreifen. In kurzen Hacking-Einlagen könnt ihr aktiv ins Geschehen eingreifen und bekommt dadurch zumindest das Gefühl, mehr beizusteuern, als nur Einsatzpläne zu erstellen.

Entscheidungen mit Folgen
Wenn ihr gerade nicht eure Aufgabe als Disponent erfüllt, werden die einzelnen Episoden mit storytreibenden Dialogen gefüllt. Diese sind abwechslungsreich geschrieben und sorgen dafür, dass euch der Cast immer stärker ans Herz wächst. Dabei müsst ihr nicht nur im Einsatz schwierige Entscheidungen treffen. Auch als Chef des Z-Teams kann euch das Spiel vor unangenehme Situationen stellen – etwa dann, wenn ihr entscheiden müsst, einen Helden aus der Gruppe zu entlassen. Neben der Handlung rund um Shroud und Roberts mögliche Rückkehr als Mecha Man bleibt auch genügend Zeit für Romantik. Robert kann im Verlauf des Spiels zwei unterschiedliche Romanzen verfolgen, wodurch euch eine weitere knifflige Entscheidung erwartet. Für wen ihr euch entscheidet, bleibt natürlich euch überlassen. Und genau davon lebt ein interaktives Adventure: Nicht nur zuzusehen, wie sich eine Geschichte entwickelt, sondern das Gefühl zu bekommen, selbst für ihren Verlauf verantwortlich zu sein.

Jede der acht Episoden dauert ungefähr 40 bis 60 Minuten. Nach dem Abspann liefert euch das Spiel zudem verschiedene Statistiken. Ihr erfahrt, wie andere Spieler bei wichtigen Entscheidungen reagiert haben und wie erfolgreich ihr euch als Disponent geschlagen habt. Ist das Ende erreicht, könnt ihr euren Spielstand kopieren und an jeder beliebigen Szene wieder einsteigen, um von dort aus andere Entscheidungen zu treffen. Der Wiederspielwert bleibt dadurch zwar etwas begrenzt, doch das schmälert die Qualität der eigentlichen Geschichte kaum. Erzählerisch und inszenatorisch muss sich Dispatch vor niemandem verstecken. Wer AdHoc Studio zusätzlich unterstützen möchte, kann zur Deluxe Edition greifen. Diese enthält zahlreiche Concept Arts sowie vier Comics, die euch die Vorgeschichten der einzelnen Charaktere näherbringen.

Wertung
Mit Dispatch beweist AdHoc Studio eindrucksvoll, dass das episodische Adventure noch lange nicht ausgedient hat. Die witzige Superhelden-Geschichte, der hervorragende Cast und die vielen sympathischen Charaktere sorgen dafür, dass man das Z-Team bereits nach kurzer Zeit nicht mehr missen möchte. Auch das Disponenten-Gameplay funktioniert besser als erwartet: Die Auswahl der passenden Helden, die begrenzte Einsatzbereitschaft, Synergien und zufallsbasierte Erfolgswahrscheinlichkeiten verleihen den Missionen eine überraschende taktische Note. Dazu kommen wichtige Entscheidungen, mögliche Romanzen und eine rundum gelungene Inszenierung. Der Wiederspielwert könnte zwar höher ausfallen, doch das ändert nichts daran, dass Dispatch eines der besten interaktiven Adventures der letzten Jahre ist. Ein echtes Comeback für ein beinahe vergessenes Genre und ein absolutes Pflichtprogramm für Fans von Telltale Games.
100
Dispatch ist am 22.Oktober 2025 (Episodenstart, wöchentlich paarweise bis 12. November 2025) für PC und PlayStation 5 erschienen. Auf Nintendo Switch legte das Heldenabenteuer am 29.Januar 2026 los. Spieler auf Xbox Series X/S und PC (Microsoft Store) dürfen seit 29.Juli 2026 als Disponent loslegen.