
Ein Anime, der in einem Videospiel spielt, sollte eigentlich wie geschaffen für eine eigene Videospielumsetzung sein. Und trotzdem ist es Bandai Namco bisher nur selten gelungen, ein Spiel zu veröffentlichen, das dem Potenzial von Sword Art Online wirklich gerecht wird. Zu viele Vorgänger blieben hinter ihren Möglichkeiten zurück, obwohl die Vorlage mit ihrer Welt, den Charakteren und dem MMO-Szenario eigentlich alles mitbringt, was ein gutes Action-RPG braucht. Mit Echoes of Aincrad: Sword Art Online schenkt der Publisher nun erstmals Game Studio das Vertrauen, um Fans und Neueinsteiger gleichermaßen zu überzeugen. Die Ansätze sind durchaus vorhanden, doch reicht das diesmal für den großen Durchbruch?
Gefangen in Aincrad
Die Geschichte von Sword Art Online dürfte mittlerweile auch abseits der Anime-Community vielen ein Begriff sein. Im Jahr 2022 loggen sich 10.000 Spieler in das namensgebende Virtual-Reality-MMO ein. Was zunächst wie ein ganz gewöhnliches Online-Abenteuer wirkt, entwickelt sich jedoch schnell zum tödlichen Albtraum. Denn der Entwickler hat eine grausame Regel eingebaut: Wer sich aus dem Spiel ausloggt oder in der virtuellen Welt stirbt, verliert auch im echten Leben sein Leben. Die einzige Möglichkeit zur Flucht besteht darin, alle 100 Ebenen von Aincrad zu bezwingen und den Endboss zu besiegen. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich die beiden bekannten Hauptfiguren Kirito und Asuna, die in der Vorlage maßgeblich zum Überleben der Spieler beitragen.

In Echoes of Aincrad schlüpft ihr allerdings nicht direkt in die Rolle des schwarzen Schwertkämpfers, sondern erstellt euren eigenen Avatar. Damit orientiert sich Game Studio an einem Konzept, das beispielsweise auch in den Attack on Titan-Spielen von Koei Tecmo gut funktioniert hat. Ihr sollt euch nicht bloß als Zuschauer durch die Handlung bewegen, sondern das Gefühl bekommen, selbst ein Teil von Aincrad zu sein. Zudem erhält ihr eine eigene „geheime“ Quest und musst Aincrad vor seiner Vernichtung bewahren, womit man abseits der bekannten Handlung das Abenteuer bestreitet. Leider verschenkt das Spiel gerade bei dieser Idee einiges an Potenzial. Zwar stehen unterschiedliche Stimmen für den eigenen Charakter zur Auswahl, doch mehr als Kampflaute bekommt man von ihm nicht zu hören. In Gesprächen wird lediglich stumm genickt oder der Kopf geschüttelt. Das wirkt besonders unpassend, weil sämtliche anderen Charaktere vollständig vertont sind und dadurch deutlich mehr Persönlichkeit erhalten. So bleibt der eigene Avatar trotz aller Identifikationsmöglichkeiten erstaunlich blass.

Action-RPG mit MMO-Wurzeln
Spielerisch erlaubt sich Echoes of Aincrad deutlich weniger Patzer als seine Vorgänger. Das Gameplay orientiert sich an klassischen Action-RPGs und geht angenehm flüssig von der Hand. Euch stehen separate Balken für Leben, Ausdauer und Skills zur Verfügung. Im Kampf wechselt ihr zwischen leichten und schweren Angriffen, weicht gegnerischen Attacken aus oder setzt mit eurem Schild zum Block an. Auch Parieren ist möglich und kann bei perfektem Timing in einen mächtigen Gegenschlag übergehen. Gegen Bosse funktioniert diese Mechanik allerdings nur eingeschränkt, was etwas schade ist. Zusätzlich lassen sich bis zu drei Spezialattacken ausrüsten, mit denen ihr Gegnern schnell den Garaus machen könnt.

Je nach Schwierigkeitsgrad ist aber auch Teamwork gefragt. Selbst auf dem normalen Niveau seid ihr keine unaufhaltsame Ein-Mann-Armee, zumal sich die Gegner eurem Level anpassen. Das passt wiederum hervorragend zur Vorlage, denn Sword Art Online war von Beginn an auch eine Geschichte über Zusammenarbeit und Gruppendynamik. Neben bekannten Gesichtern aus dem Anime trefft ihr auf eigens für das Spiel erschaffene Charaktere. Mit diesen bildet ihr ein Team und macht euch gemeinsam auf Erfahrungspunkte-Jagd durch die ersten beiden Ebenen. Die künstliche Intelligenz eurer Begleiter schlägt sich dabei mal besser, mal schlechter, fällt insgesamt aber positiv ins Gewicht. Vor allem die Team-Spezialattacke kann in dem einen oder anderen Bosskampf den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Ebenso entscheidend ist jedoch eure Ausrüstung.

Schwert, Schild und jede Menge Feintuning
Insgesamt stehen euch sechs unterschiedliche Waffengattungen zur Verfügung, mit denen ihr euren bevorzugten Spielstil anpassen könnt. Neben klassischem Schwert und Schild dürft ihr auch zu Rapieren, Dolchen, Äxten, Keulen oder Zweihändern greifen. Beim Schmied in den einzelnen Städten lassen sich diese Waffen herstellen, verkaufen und natürlich auch verbessern. Das ist dringend notwendig, denn nicht nur euer Charakterlevel muss mit den Gegnern mithalten – auch eure Ausrüstung sollte regelmäßig aufgewertet werden.
Darüber hinaus besitzt jede Waffe vier Mod-Slots, die sich durch Synthese mit unterschiedlichen Verbesserungen bestücken lassen. Dadurch kommen nützliche Boni wie mehr Erfahrungspunkte, höherer Angriffsschaden oder ein schnelleres Sprinttempo hinzu. Auch für die Waffen eurer Kameraden seid ihr verantwortlich, weshalb der Schmied regelmäßig zum Pflichtbesuch wird. Wer sein Team optimal vorbereiten möchte, verbringt hier entsprechend viel Zeit.

Noch häufiger führt euch der Weg allerdings zur Truhe, die zwischen den Missionen als eine Art persönlicher Hub dient. Hier legt ihr Ausrüstung ab, verwaltet Gegenstände und investiert vor allem die Fertigkeitspunkte, die ihr bei jedem Levelaufstieg erhaltet. Aufleveln könnt ihr dabei die klassischen Attribute Vitalität, Ausdauer, Geist, Stärke, Geschick, Bewegung und Intelligenz. Leider bekommt ihr ab Level 10 pro Aufstieg nur noch zwei Punkte gutgeschrieben. Dadurch fühlt sich der Fortschritt deutlich weniger belohnend an, als er eigentlich sollte.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Truhe erst nach dem Abschluss einer Quest wieder erreichbar ist. Wer mitten in einer Mission merkt, dass ein anderer Skill oder eine neue Ausrüstung sinnvoller wäre, muss den aktuellen Auftrag also erst beenden. Das bremst den Spielfluss unnötig aus und wirkt angesichts der ansonsten flexiblen Kampfmechanik etwas altbacken.

Aincrad zwischen Abenteuer und Wiederholung
Durch Aincrad zu reisen, fühlt sich leider nur selten so belohnend an, wie man es sich von dieser Vorlage wünschen würde. Die weitläufigen Steppen lassen sich nicht frei erkunden. Stattdessen bekommt ihr pro Quest lediglich eine handverlesene Auswahl an Gebieten vorgesetzt. Diese sind zwar mit Monstern und Truhen gefüllt, wirklich herausragender Loot wartet dort aber nur selten auf euch. Zu Beginn hält sich die Motivation noch problemlos. Man möchte die Welt kennenlernen, neue Gegner besiegen und die nächste Ebene erreichen. Doch schon bald bekommt der Begriff Wiederholung eine ganz neue Bedeutung. Wer die Demo von Echoes of Aincrad gespielt hat, hat im Grunde bereits den spielinternen Beta-Test absolviert. Dieser dauert ungefähr fünf Stunden und führt euch durch mehrere Gebiete, ehe der Prolog abgeschlossen ist. Danach folgt allerdings die Alpha – und das bedeutet, dass ihr nahezu sämtliche Quests aus der Beta noch einmal absolvieren müsst. Fast fünf weitere Stunden lang durchquert ihr also dieselben Gebiete und erledigt im Grunde dieselben Aufgaben.

Und dabei bleibt es leider nicht. Auch im weiteren Spielverlauf werden bekannte Areale regelmäßig erneut aufgesucht. Spätestens das Ende der ersten Ebene macht deutlich, wie wenig das Spiel aus seinen Umgebungen herausholt. Diese Wiederholungen wären vielleicht leichter zu verschmerzen, wenn die Welt selbst das Versprechen des Anime erfüllen würde. Doch leider beschränkt sich das Abenteuer auf die Ebenen eins und zwei, die jeweils drei Städte beherbergen. Jede dieser Städte verfügt über ein Gasthaus, einen Schmied und einen Gegenstandshändler. Das war es im Grunde auch schon. Abgesehen von einigen Questgebern spielt sich dort nur wenig ab. Obwohl sich optisch durchaus viele Figuren tummeln, wirken die Städte überraschend leblos und generisch. Wenn man bedenkt, dass sich in Aincrad rund 10.000 Spieler befinden sollen, ist das eine große Enttäuschung. Gerade die sozialen Aspekte eines MMO-Szenarios hätten der Welt deutlich mehr Leben einhauchen können.

Wertung
Echoes of Aincrad: Sword Art Online bringt einige gute Ansätze mit, lässt aber in nahezu jedem Bereich viel Potenzial liegen. Das flüssige Action-RPG-Gameplay, die verschiedenen Waffen, das Mod-System und die Team-Spezialattacken machen durchaus Spaß. Auch die Idee, mit einem eigenen Avatar Teil der Geschichte zu werden, hätte eine spannende Richtung einschlagen können. Leider bleibt der Charakter in den Dialogen stumm, die Welt wirkt trotz ihrer Größe leblos und die ständigen Wiederholungen nehmen dem Abenteuer schon früh den Wind aus den Segeln. Fans der Vorlage bekommen immerhin ein solides Spiel mit bekannten Figuren und einem funktionierenden Kampfsystem geboten. Für den großen Schritt, den die Reihe dringend gebraucht hätte, reicht es aber nicht.
70
Echoes of Aincrad: Sword Art Online ist am 09.Juli 2026 für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC (via Steam) erschienen. Getestet wurde die PlayStation 5 Version.