
Die dänischen Entwickler von IO Interactive haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten mit der legendären Hitman-Reihe einen unumstößlichen Status als Könige des Stealth-Genres erarbeitet. Wer, wenn nicht sie, wäre also besser geeignet, um dem berühmtesten Geheimagenten der Welt neues digitales Leben einzuhauchen? Doch wer bei 007 First Light ein bloßes Best-of altbekannter Film-Szenarien oder einen interaktiven Action-Schlauch erwartet, wird direkt in den ersten Spielminuten eines Besseren belehrt. Stattdessen spendieren uns die Entwickler eine völlig unverbrauchte, eigenständige Origin-Story, die den Mythos James Bond auf eine ganz neue, erfrischend persönliche Ebene hebt. Ob das ehrgeizige Agenten-Abenteuer den extrem hohen Erwartungen gerecht wird, erfahrt ihr in unserem Review!
Die Entstehung von 007
Bevor James Bond den legendären Doppel-Null-Status erlangte und seinen Martini geschüttelt, nicht gerührt bestellte, war er ein ganz normaler Mensch – nun ja, fast. Die Geschichte von 007 First Light setzt zu einem Zeitpunkt an, als James noch als einfacher Luftwaffensoldat dient und eher durch glückliche Zufälle und unvorhergesehene Ereignisse auf dem Radar des britischen Geheimdienstes MI6 landet. Ihr werdet direkt in das brandneue Doppel-Null-Rekrutierungsprogramm hineingeworfen, wo ihr auf andere ambitionierte Rekruten trefft. Das erste Drittel des Spiels nimmt sich dabei erfreulich viel Zeit, um das Team und die Charaktere einzuführen. Man lernt sich kennen, meistert erste Trainingsmissionen und wächst als eingeschworene, kleine Familie zusammen.

Diese anfängliche Ruhe weicht jedoch spätestens dann einem packenden Nervenkitzel, als die Handlung durch das Überlaufen des abtrünnigen Agenten 009 so richtig an Fahrt aufnimmt. Ab diesem Zeitpunkt jagt eine Überraschung die nächste, und die Spannungskurve bleibt bis zum großen Finale konstant auf Anschlag. Zu viel wollen wir euch aus Spoiler-Gründen natürlich nicht verraten, doch das Drehbuch leistet hier hervorragende Arbeit. Das liegt nicht zuletzt an den absolut grandiosen schauspielerischen Leistungen der Hauptcharaktere. Die Besetzung ist schlichtweg perfekt; jeder einzelne Akteur haucht seiner Figur so viel Herz, Charme und Glaubwürdigkeit ein, dass man jede Sekunde mitfiebert. Es ist ohne Zweifel eine der allergrößten Stärken von 007 First Light.

Geheimagent auf Weltreise
Im Hauptquartier des MI6 in London verweilt James Bond meistens nur für kurze Zwischenstopps, denn seine Einsätze führen ihn im Laufe der Handlung einmal quer über den gesamten Globus. Ob im idyllischen Gebirge der Slowakei, den heißen Wüsten Mauretaniens, den dichten Dschungeln Vietnams oder auf einer geheimen Forschungsstation in der eisigen Antarktis – das visuelle und spielerische Kontrastprogramm könnte kaum größer sein. Die Schauplätze strotzen nur so vor liebevollen Details, wirken ungemein lebendig und fangen das authentische Agenten-Flair perfekt ein.

Hier macht sich die immense Erfahrung der Entwickler bemerkenswert bemerkbar. Ähnlich wie in der Hitman-Reihe setzt das Leveldesign auf enorme spielerische Freiheit. Wo ein offensichtlicher Weg zum Ziel führt, existieren fast immer mindestens zwei weitere, clevere Alternativrouten. Ob ihr euch leise durch die Schatten schleicht oder mit der Tür ins Haus fallt, bleibt ganz euren Vorlieben überlassen. Damit dabei nie Langeweile aufkommt, ist James während der Missionen im ständigen Funkkontakt mit Moneypenny. Die hervorragend geschriebenen, oft herrlich zynischen und humorvollen Dialoge der beiden lockern die düstere Atmosphäre immer wieder gekonnt auf. Und egal, wie brenzlig die Situation auch wird: Auf eure treue Uhr am Handgelenk ist in jeder Lebenslage Verlass.

Q-Branch am Handgelenk
Die Missionen in 007 First Light bieten eine hervorragend ausbalancierte Mischung aus Erkundung, lautloser Infiltration und knackiger Action. Euer wichtigstes Werkzeug ist dabei stets die von Q modifizierte Spezialuhr, die als zentrales Gameplay-Element fungiert. Beim lautlosen Vorgehen lassen sich mithilfe des High-Tech-Chronographen elektrische Leitungen kurzschließen, um patrouillierende Wachen abzulenken oder gezielt wegzulocken. Sollte das nicht reichen, sorgen Gadgets wie zielsuchende Dartpfeile, ein lautloser Laser oder die praktische Schockwellenkamera für die nötige taktische Tiefe im Schatten. Fliegt eure Tarnung doch einmal auf, verschaffen euch Rauchkugeln oder eine schnell platzierte Blitzmine die nötigen Sekunden, um eure Verfolger im Nahkampf blitzschnell unschädlich zu machen.

Doch irgendwann ist auch die Zeit für Fäuste vorbei und die Lizenz zum Töten muss her. James hat standardmäßig seine ikonische Dienstpistole mit Schalldämpfer im Holster, die gewohnt präzise Dienste leistet. Da die Munition in den weitläufigen Arealen jedoch überraschend knapp bemessen ist, müsst ihr regelmäßig auf die Waffen eurer besiegten Feinde zurückgreifen. Das Arsenal reicht von durchschlagskräftigen Maschinenpistolen über präzise Sturmgewehre bis hin zu brachialen Schrotflinten. Da sich die anschließenden Schusswechsel oft über sehr lange Sequenzen erstrecken und ein ständiger Waffenwechsel an der Tagesordnung ist, fühlt sich James in diesen Momenten allerdings eher wie ein kompromissloser John Wick an als wie der elegante, kühle James Bond, den man aus den klassischen Filmen kennt. Das bricht hier und da ein klein wenig die mühsam aufgebaute Agenten-Immersion, macht spielerisch aufgrund des exzellenten Gunplays aber dennoch eine Menge Spaß.

Mehr als nur ein spielbarer Film?
Mit insgesamt siebzehn abwechslungsreichen Kapiteln bringt es das Spiel auf eine sehr stattliche Spielzeit von gut 15 Stunden. Damit nach dem ersten Durchgang nicht direkt die Luft raus ist, haben die Entwickler satte 92 gut versteckte Sammelobjekte in den Winkeln der Levels platziert, die darauf warten, aufgespürt zu werden. Auch bei den drei verfügbaren Schwierigkeitsgraden wird einiges geboten: Besonders auf der höchsten Stufe verlangt euch das Spiel alles ab. Die Gegner-KI agiert erstaunlich clever, flankiert euch im Team, nutzt eure Nachlade-Animationen eiskalt aus und zwingt euch zu einem extrem bedachten, taktischen Vorgehen.

Wer abseits der Hauptstory noch zusätzliche Herausforderungen sucht, kann sich in der virtuellen taktischen Simulation austoben, in der knackige Zusatzoperationen und spezielle Aufgaben auf euch warten. Für Trophäen-Jäger ist 007 First Light zudem ein echtes Fest: Die Liste ist angenehm gestaltet und verlangt neben dem reinen Durchspielen und dem Aufspüren der Collectibles lediglich ein paar spezifische Kampf-Herausforderungen, die sich ganz hervorragend mit dem kreativen Einsatz der verschiedenen Gadgets im Gefecht verbinden lassen. Eine anspruchsvolle, aber absolut faire Jagd auf die Platin-Trophäe ist somit garantiert.
Wertung
Mit 007 First Light beweisen die Entwickler von IO Interactive eindrucksvoll, dass das James-Bond-Franchise auch abseits der Leinwand zu absoluten Höchstformen auflaufen kann. Die fesselnde und hervorragend gespielte Origin-Story füllt eine spannende Lücke im Leben des Geheimagenten, während das gelungene Leveldesign im besten Sinne an die spielerische Freiheit der Hitman-Reihe erinnert. Einzig die phasenweise sehr langen, actionlastigen Schusspassagen im „John Wick“-Stil kratzen hin und wieder leicht an der eleganten Spionage-Atmosphäre. Wer jedoch einen packenden, wunderschön inszenierten und spielerisch abwechslungsreichen Agenten-Thriller sucht, wird mit diesem Abenteuer meisterhaft bedient.
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