
Wenn es um Taschenmonster geht, steht ein Name seit Jahrzehnten wie eine unbezwingbare Festung an der Spitze: Pokémon. Doch abseits des gigantischen Nintendo-Schattenreichs existiert seit jeher eine andere Reihe, die sich eine treue und leidenschaftliche Fangemeinde aufgebaut hat. Die Rede ist natürlich von Digimon! Was damals mit dem legendären Digimon World auf der allerersten PlayStation begann, hat sich über die Jahre hinweg zu einer festen Konstante entwickelt. Fast keine Konsolengeneration wurde ausgelassen, auch wenn die Titel im Westen oft ein wenig unter dem Radar flogen. Mit Digimon Story Time Stranger lieferte Bandai Namco im vergangenen Jahr jedoch eines der stärksten JRPGs der jüngeren Vergangenheit ab, das nun endlich auch seinen verdienten Weg auf die Nintendo Switch 2 findet. Ob das digitale Abenteuer auch auf Nintendos neuer Konsole voll überzeugen kann, erfahrt ihr in unserem Review!
Ein Wettlauf gegen die Zeit und die Titanen
Die Prämisse von Digimon Story Time Stranger wirft euch direkt in ein episches Szenario, in dem das Thema Zeitreise eine absolut zentrale Rolle einnimmt. Ihr werdet mit der Aufgabe betraut, nicht nur den drohenden Untergang der Welt abzuwenden, sondern auch einen verheerenden, epochenübergreifenden Krieg zwischen den Digimon und den mächtigen Titanen zu verhindern. Das klingt nach einem klassischen Sci-Fi-Epos und bietet auf dem Papier jede Menge Potenzial für dramatische Wendungen und emotionale Höhepunkte.

Tatsächlich ist die Geschichte im Kern ungemein interessant, krankt jedoch an einem altbekannten JRPG-Problem: Sie plätschert zu Beginn des Spiels extrem zäh vor sich hin. Das liegt vor allem an der enttäuschend bieder gestalteten Inszenierung. Echte, cineastische Zwischensequenzen sucht man hier nämlich fast vergebens. Stattdessen setzt das Spiel in den Hauptmissionen größtenteils auf recht simple, spärlich animierte Charaktermodelle, die lediglich lippensynchron vertont wurden. Hier wäre mit etwas mehr Liebe zum Detail und modernerer Präsentation definitiv mehr drin gewesen! Wer jedoch die Zähne zusammenbeißt und rund 10 Stunden am Ball bleibt, wird belohnt. Ab diesem Zeitpunkt nimmt die Erzählung nämlich ordentlich Fahrt auf, wirft euch spannende Twists an den Kopf und lässt euch kaum noch los. Auch wenn die Story das Rad am Ende nicht neu erfindet – die hervorragend geschriebenen Digimon tun es allemal!

Das ultimative Traumteam im digitalen Labor
Wer JRPGs spielt, will natürlich vor allem eines: sammeln, leveln und optimieren. Und in dieser Disziplin zieht Digimon Story Time Stranger alle Register. Mit insgesamt 451 sammelbaren Digimon deckt das Spiel so ziemlich jede erdenkliche Staffel der Seriengeschichte ab. Vom süßen Rookie-Level über mächtige Mega-Formen bis hin zu komplexen Fusionen ist hier die absolute Bandbreite vertreten. Das eigentliche Highlight ist jedoch die enorme Flexibilität beim Entwickeln. Ihr könnt eure Digimon nämlich nicht nur digitieren lassen, sondern sie im Labor jederzeit wieder umwandeln und de-digitieren. Das ist auch bitter nötig, denn wer stur auf einem einzelnen Digitationspfad verharrt, stößt blitzschnell an das maximale Level-Cap. Erst durch das clevere De-Digitieren und Wechseln der Pfade schraubt ihr diese Grenze nach oben.

Dieses ständige Umwandeln erhöht zudem die wichtigen Statuswerte eurer digitalen Begleiter. Und hier bietet das Spiel eine Tiefe, mit der man als reiner Pokémon-Spieler im Leben nicht rechnet. Neben den klassischen JRPG-Attributen wie Angriff, Verteidigung, Intelligenz, Geist, Geschick, Trefferpunkten (TP) und Fähigkeitenpunkten (FP) spielen auch die Persönlichkeiten eurer Digimon eine gewichtige Rolle. Gewisse Digimon weigern sich schlichtweg zu digitieren, wenn ihre Persönlichkeit nicht den Voraussetzungen entspricht. Ihr verbringt also liebend gerne Stunden damit, euer Team im Menü zu organisieren, Fähigkeiten gezielt auszurüsten oder passende Accessoires anzulegen. Wer sich auf diese Komplexität einlässt, wird mit einem extrem belohnenden Progressionssystem belohnt, das beim eigentlichen Kampfgeschehen seine volle Wirkung entfaltet.

Rundenbasierte Taktik nach alter Schule
Sobald es zu einer Konfrontation kommt, greift das Spiel auf die klassische, bewährte rundenbasierte JRPG-Formel zurück. Die genaue Zugreihenfolge eurer Kämpfer wird dabei direkt durch deren Geschick-Wert bestimmt und am Bildschirmrand übersichtlich angezeigt. Im Kampf selbst habt ihr die Wahl zwischen Schutz, einfachem Angriff oder dem Einsatz mächtiger Fähigkeiten. Ein nettes, wenn auch nicht spielentscheidendes Feature sind die sogenannten Kreuzungskünste, die euer Protagonist einmal pro Gefecht entfesseln kann, um dem Kampf eine persönliche Note zu verleihen. Euer Team besteht dabei aus drei aktiven Digimon auf dem Feld und drei weiteren in der Reserve – und dieser Wechsel will gut überlegt sein!

Denn das Kampfsystem basiert auf einem knallharten Schere-Stein-Papier-Prinzip: Serum schlägt Virus, Virus schlägt Daten und Daten schlägt wiederum Serum. Wer den richtigen Typen gegen den Feind ins Feld schickt, profitiert von massiven Schadensmultiplikatoren, was stark an die Typen-Effektivität aus Pokémon erinnert. Auf den niedrigeren Schwierigkeitsgraden lässt sich diese Taktik zwar noch getrost vernachlässigen, da man sich auch mit roher Gewalt durchsetzen kann. Wer sich jedoch auf dem knackigen Schwierigkeitsgrad „Mega+“ versucht oder die begehrte Platin-Trophäe ins Visier nimmt, wird voll gefordert. Spätestens bei den gigantischen Bossmonstern der Hauptmissionen müsst ihr jeden Zug im Voraus planen, eure Reserve clever nutzen und eure Digimon perfekt aufeinander abstimmen.

Zwischen den Welten und Epochen
Während der abwechslungsreichen Hauptmissionen reist ihr nicht nur quer durch die Zeit, sondern wechselt auch ständig zwischen der realen Menschenwelt und der geheimnisvollen Digi-Welt hin und her. Leider zeigt sich hier auch die größte Schwachstelle des Titels: Die optische Präsentation. Man merkt an allen Ecken und Enden, dass die Entwickler sich Persona 5 als großes Vorbild genommen haben – an dessen stilistische und grafische Brillanz kommt Digimon Story Time Stranger jedoch zu keiner Sekunde heran. Die Gebiete fallen recht überschaubar aus und wirken visuell oft etwas bieder und detailarm, auch wenn sie sich im Zuge eurer Zeitreisen zumindest minimal verändern.

Abseits der Hauptpfade gibt es jedoch erfreulich viel zu tun. Neben klassischen Nebenmissionen dürft ihr euch in den herausfordernden „Äußeren Labyrinthen“ austoben. Während die Labyrinthe euch mit besonders mächtigen Digimon belohnen, erhaltet ihr durch die Nebenmissionen wertvolle Anomalie-Punkte. Mit diesen Punkten kauft ihr mächtige Agentenfähigkeiten, die eure Digimon stärken oder das Digitieren erheblich erleichtern. Noch viel wichtiger: Jeder Punkt steigert euren Agentenrang – und dieser ist die absolute Voraussetzung, um überhaupt Champion-, Ultimativ- und Mega-Entwicklungen freizuschalten! Da sämtliche Gameplay-Mechaniken so wunderbar ineinandergreifen, fühlt sich selbst die kleinste Nebenaufgabe nie wie Zeitverschwendung, sondern immer wie eine lohnende Belohnung an.

Wertung
Digimon Story Time Stranger ist für JRPG-Fans und Digimon-Liebhaber ein echtes Fest auf der Nintendo Switch 2. Wer über den sehr zähen Einstieg in den ersten 10 Stunden hinwegsehen kann, wird mit einer packenden Zeitreise-Story und einem der tiefgängigsten Aufzucht- und Digitationssysteme der Seriengeschichte belohnt. Dass die einzelnen Mechaniken so fantastisch miteinander verzahnt sind, sorgt für einen enormen, fast schon gefährlichen Suchtfaktor. Schade ist hingegen, dass das Spiel bei der Präsentation und Technik Federn lässt: Die detailarme Optik reißt keine Bäume aus, echte Zwischensequenzen werden schmerzlich vermisst und auch die Soundkulisse in den Kämpfen hätte deutlich mehr Druck vertragen können. Wer jedoch über die optischen Mängel hinwegsehen kann und ein tiefgängiges Rollenspiel sucht, das Pokémon in Sachen Komplexität locker in die Tasche steckt, kommt an diesem JRPG-Highlight nicht vorbei!
81
Digimon Story Time Stranger erscheint am 10.Juli 2026 für Nintendo Switch 2. Für Xbox Series X/S, PlayStation 5 und PC ist der Titel bereits am 02.Oktober 2025 erschienen.